Es gibt Städte, die einem noch lange nach der Abreise im Gedächtnis bleiben. Für mich ist Tallinn eine solche Stadt. Ich kam mit der Erwartung von Kopfsteinpflaster und mittelalterlicher Architektur. Was ich nicht erwartet hatte, war eines der unternehmerischsten und digital fortschrittlichsten Ökosysteme Europas, in dem jahrhundertealte Gebäude neben Start-ups stehen, die globale Produkte entwickeln.
Diese Reise war Teil des Goethe MBA Programms der Goethe Business School, in dessen Rahmen ich mich auf Digitale Transformation, Innovationsmanagement und Entrepreneurial Strategy konzentriere. Ziel der Studienreise war es, über die Theorie hinauszugehen und ein reales Ökosystem kennenzulernen, in dem Plattformökonomien, digitale Verwaltung und KI-getriebene Transformation aktiv gestaltet werden.
Im Laufe der Woche trafen wir lokale Gründerinnen und Gründer sowie Akteure des Startup-Ökosystems. Dazu gehörte unter anderem eine Session mit Wise Guys, einem der führenden europäischen Frühphasen-Acceleratoren und Venture-Capital-Fonds im Baltikum, sowie ein Briefing zu E-Government bei e-Estonia. Dort erhielten wir einen tieferen Einblick, wie digitale Infrastruktur nicht nur Unternehmen, sondern ganze Gesellschaften prägt.
Als jemand, der im Produktdesign arbeitet und sich damit beschäftigt, wie sich Organisationen durch digitale Systeme weiterentwickeln, habe ich mich für den MBA entschieden, um mein Verständnis von Unternehmen zu vertiefen – nicht nur als Produkte, sondern als Systeme, die von Strategie, Technologie und menschlichem Verhalten geprägt werden. Tallinn bot dafür eine besonders eindrucksvolle Perspektive.
Das Silicon Valley Europas
Tallinn wird oft als das „Silicon Valley Europas“ bezeichnet – und es ist leicht zu erkennen, warum. Die Stadt ist die Geburtsstätte von Skype und Heimat von Unternehmen wie Bolt. Was mich jedoch am meisten beeindruckte, waren nicht die Unternehmen selbst, sondern die Denkweise dahinter: schnelle Umsetzung, globales Denken von Anfang an und die Bereitschaft, ganze Branchen neu zu denken. Gerade im Hinblick darauf, wie traditionelle Industrien durch digitale Plattformen und designgetriebene Ansätze verändert werden, erschien mir diese Perspektive besonders relevant.
Ein Gespräch, das in Erinnerung geblieben ist
Während unseres Aufenthalts in Tallinn sagte ein Unternehmer etwas, das mich nachhaltig beschäftigt hat: „Ein Start-up ist letztlich nur ein Unternehmen, das noch dabei ist herauszufinden, wie es Geld verdient.“ Dieser Satz hat meine Sicht auf den Aufbau neuer Unternehmen und Produkte verändert. Jenseits von Wachstum oder Aufmerksamkeit stellt sich die eigentliche Frage, wie Wert geschaffen werden kann, für den Menschen bereit sind zu bezahlen. Dieser Gedanke begleitete mich während der gesamten Reise.
Von Ideen zu vernetztem Denken
Einer der wertvollsten Aspekte des MBA-Programms ist für mich bislang die Verbindung von Theorie und realen Systemen. In Tallinn wurden Diskussionen über Plattformstrategien, digitale Verwaltung und organisatorische Transformation greifbar. Besonders das Briefing von e-Estonia zur digitalen staatlichen Infrastruktur zeigte eindrucksvoll, wie tief integrierte Systeme Vertrauen, Effizienz und Zugänglichkeit auf nationaler Ebene grundlegend verändern können.
Gleichzeitig brachte mich die Reise dazu, über einige meiner eigenen frühen Überlegungen nachzudenken – etwa zur Entwicklung eines Produkts für die Hospitality-Branche, das Service Design mit einer kuratierten, redaktionellen Ebene verbindet. Dabei geht es nicht nur darum, wie Orte gebucht werden, sondern auch darum, wie sie entdeckt und erlebt werden. Auch wenn dieses Projekt etwas außerhalb meines beruflichen Schwerpunkts liegt, prägt es weiterhin meine Sicht auf Produkte und Systeme.
Mittelalterliche Straßen und digitales Denken
Was Tallinn besonders faszinierend macht, ist der Kontrast. In einem Moment bewegt man sich durch die mittelalterliche Altstadt, im nächsten sitzt man in einem Café, umgeben von Gründerinnen und Gründern, die KI- und Fintech-Unternehmen aufbauen. Dieses Spannungsfeld zwischen Geschichte und Innovation spiegelt ein zentrales Thema des MBA wider: Transformation entsteht oft dort, wo bestehende Strukturen auf neue Denkweisen treffen. Gleichzeitig wurde eine einfache Erkenntnis bestätigt: Die besten Systeme vereinen Zeitlosigkeit und Moderne, Technologie und Menschlichkeit, Effizienz und Emotion.
Mit neuen Perspektiven nach Hause gehen
Ich verließ Tallinn mit neuer Energie – nicht, weil ich Antworten gefunden hatte, sondern weil ich bessere Fragen mitnahm. Die Stadt hat mir etwas Wichtiges vor Augen geführt: Bedeutende Unternehmen werden von Menschen aufgebaut, die bereit sind, Branchen aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Im Kontext des MBA hat mich die Reise zudem daran erinnert, warum ich diesen Weg eingeschlagen habe: um einen Schritt aus dem operativen Alltag herauszutreten und besser zu verstehen, wie Systeme, Strategie und Design zusammenwirken. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Gute Ideen wissen – genau wie starke Städte – sehr genau, wer sie sind.