Es geht nicht darum, was man lernt, sondern darum, wer man wird

Eva Hilde Neumann befindet sich derzeit im zweiten Semester des Pharma-MBAs. In diesem persönlichen Beitrag beschreibt sie, wie das Programm weit mehr als nur ihre fachliche Perspektive erweitert hat. Von einem strukturierten Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge bis hin zu einer neuen Einordnung ihrer bisherigen Führungserfahrungen – der MBA wurde für sie zu einer Reise, die über das Akademische hinausgeht. Besonders prägend war dabei die Wiederentdeckung einer klareren, mutigeren Version ihrer selbst, von der ihr bis dahin nicht bewusst war, dass sie in den Hintergrund geraten war.

Als ich mich für den Pharma MBA an der Goethe Business School in Frankfurt einschrieb, dachte ich, ich käme wegen des zusätzlichen Wissens. Vielleicht wegen eines Titels. Einer Qualifikation, die diese leise Stimme zum Schweigen bringt, die sagt: Du hast dich gegen eine Promotion entschieden und bestimmte Türen werden deshalb verschlossen bleiben.

Die Entdeckung, für die ich mich nicht eingeschrieben hatte

Was ich nicht erwartet hatte: Dieses Programm würde mir etwas zurückgeben, das ich unbemerkt beiseitegelegt hatte, getarnt als Professionalität: mich selbst.

Nicht die weichgespülte, diplomatische, auf Nummer sicher gehende Version von mir. Sondern die Echte. Die No-risk-no-fun-Version. Diejenige, die in einen Finance-Kurs geht und fast körperlich spürt, dass sie Zahlen liebt. Dass Logik sich anfühlt wie zu Hause. Die den Raum liest und sich trotzdem dazu entscheidet, zu sprechen. Die in einer Vorlesung zu Plattformökonomie sitzt und merkt, wie etwas in ihr zündet: Wettbewerb, Innovation, Marktdynamiken, die Systeme, die ganze Volkswirtschaften antreiben – und beide In-Class-Quizzes souverän gewinnt, weil sie schlicht zu sehr für den Stoff brennt, um nicht voll da zu sein. Die keinen Alkohol trinkt und trotzdem bis zum Ende der Party bleibt, weil die Gespräche zu spannend sind, um zu gehen.

Die Schärfe, die längst da war

Diese Person hatte über Jahre hinweg etwas aufgebaut. Der MBA hat mir gezeigt, wie wertvoll dieses Kapital ist. Apothekerin. Forscherin. Filialleiterin. Key Account Managerin. Marathonläuferin. Keynote-Speakerin. Debattierclub-Stammgast. Ernährungscoach. Mitgründerin eines Netzwerks. Vier Sprachen. Paneuropäische Projekte. Und die konstante Gewohnheit, nicht nur präsent zu sein, sondern auch zu gestalten, zu führen und die Messlatte immer wieder höher zu legen.

Systemisches Denken studiert man nicht einfach. Man entwickelt es über Jahre hinweg, an der Schnittstelle von Wissenschaft, Wirtschaft, Regulierung, Menschen und Zeitdruck. Ich habe die Implementierung von Pharmakogenetik in einem Krankenhaus verantwortet – von der Identifikation geeigneter Patient:innen bis hin zu personalisierten Dosierungsempfehlungen. Das ist ein Systemproblem. Ich habe die klinische Forschungsinfrastruktur auf EU-Ebene navigiert – das ist ein Governance- und Stakeholder-Problem. Ich habe während einer Pandemie eine Apotheke geführt und parallel ein profitables Testzentrum aufgebaut und skaliert – das ist ein Operations- und Führungsproblem.

Als die MBA-Cases kamen, musste ich nichts entschlüsseln. Ich habe wiedererkannt.

Was mir das Programm gegeben hat – etwas, das Erfahrung allein nie hätte liefern können – war einfacher als gedacht: ein logischer Rahmen, der Ökonomie von einer Fremdsprache zu einem System gemacht hat, das ich mir zu eigen machen konnte. Und damit habe ich aufgehört, von der Seitenlinie aus zuzuschauen. Ich bin ins Spiel gegangen.

Die Reibung, die dich schärft

Und dann war da noch die Reibung. Die Reibung zwischen dem, was jeder Lebensbereich konstant eingefordert hat, und dem, was ich selbst wollte. Die Reibung, alles gleichzeitig zu tun.

Die Wochenenden in Frankfurt. Die mitunter anstrengende Gruppenarbeit. Last-Minute-Lernphasen zwischen Vollzeitjob, Trainingsplan, Beziehung, eigenen Projekten und der grundsätzlichen Weigerung, mit dem Leben aufzuhören, nur weil man studiert. Die ehrlichen Zweifel, ob die nerdige, zu laute, Konzepte-über-Klüngel-Version von mir wirklich in diesen Raum passt.

Sie passte.

Reibung stumpft dich nicht ab. Sie schärft dich, wenn du es zulässt. Wenn du im Raum bleibst, statt dich kleiner zu machen, um hineinzupassen. Wenn du deinen Prinzipien treu bleibst und Nein sagst, auch wenn Ja einfacher wäre. Scharfe Kanten wirken auf Menschen, die Glätte bevorzugen, vielleicht unbequem. Aber sie geben dir etwas, das glatte Kanten nie können: die Fähigkeit, dich von allem zu lösen, was nicht zu dir passt, und das, was kommt, bewusst zu formen.

Wenn du dich also gerade fragst, ob ein solches Programm das Richtige für dich ist oder ob du dich auf ein anderes Unbekanntes einlassen solltest, werde ich dir keine Antwort geben. Ich stelle dir eine Frage:

Welche Version von dir hast du still und leise im Namen der Vernunft zurückgelassen?

Finde es heraus. Sag Ja zu dem, was es wert ist.
Nicht, weil es bequem sein wird. Sondern weil es das nicht sein wird.

Genau darum geht es.