Du hast in den Bereichen Datenanalyse, Marktforschung, digitales Marketing, Vertrieb und Kundenservice gearbeitet. Was hat dich dazu bewegt, an diesem Punkt deiner Karriere den nächsten Schritt zu gehen und einen MBA mit Schwerpunkt Digital Transformation zu beginnen?
Ich habe in unterschiedlichen Märkten, Branchen und Kulturen sowie in verschiedenen Funktionen gearbeitet – von Datenanalyse und Marktforschung über digitales Marketing und Vertrieb bis hin zum Kundenservice. Nach vielen Jahren praktischer Berufserfahrung war für mich der Zeitpunkt gekommen, den nächsten Schritt zu gehen: meine bisherigen Erfahrungen weiter auszubauen, meine akademischen Kenntnisse zu vertiefen und neue berufliche Perspektiven zu erschließen.
Digital Transformation war für mich dabei eine natürliche Richtung, denn Technologie und Daten haben sich bereits durch verschiedene Stationen meiner beruflichen Laufbahn gezogen. Ich habe erlebt, wie schnell die Digitalisierung verändert, wie Unternehmen arbeiten, mit ihren Kundinnen und Kunden interagieren und Entscheidungen treffen. Diese Entwicklungen wollte ich auf einer tieferen und strategischeren Ebene verstehen. Die Entscheidung für einen MBA und gegen ein rein technisches Studium war ebenfalls sehr bewusst. Ich wollte meine bisherige Erfahrung durch eine umfassendere betriebswirtschaftliche Ausbildung ergänzen und mich auf Positionen mit größerer strategischer Verantwortung vorbereiten.
Gleichzeitig hatte die Entscheidung auch eine persönliche Dimension. Für mich bedeutet der MBA, mich neuen Herausforderungen zu stellen und mich sowohl beruflich als auch persönlich weiterzuentwickeln. Ich bin außerdem fest davon überzeugt, dass Bildung neue Möglichkeiten schaffen kann. Mit meiner eigenen Geschichte möchte ich deshalb auch andere Frauen ermutigen – insbesondere Frauen mit internationalem Hintergrund und berufstätige Mütter –, ihre Ziele weiterzuverfolgen, auch wenn der Weg dorthin nicht immer geradlinig verläuft.
Wenn du zurückblickst: Wie haben sich deine Erwartungen seit Beginn des Programms verändert? Was hat dich überrascht oder deinen ursprünglichen Fokus auf Digital Transformation und Data Science erweitert?
Als ich den Goethe MBA begonnen habe, hatte ich eine relativ klare Vorstellung davon, was ich mir erhoffte: meine Kenntnisse in Digital Transformation und Data Science zu vertiefen und diese Expertise als Grundlage für meinen nächsten beruflichen Schritt zu nutzen. Was ich nicht erwartet hatte, war, wie stark mich auch andere Bereiche des Programms prägen würden. Ein Beispiel dafür ist die menschliche Seite von Transformation. Durch Module zu Leadership und Organizational Behavior habe ich begonnen, meinen eigenen Führungsstil stärker zu reflektieren, die Stärken zu erkennen, die ich bereits mitbringe, und zugleich Bereiche zu identifizieren, in denen ich mich weiterentwickeln möchte. Diese Auseinandersetzung hat das Studium viel persönlicher gemacht, als ich zunächst erwartet hatte. Mein Fokus hat sich dadurch von der Frage „Wie verändern sich Organisationen?“ hin zu „Welche Art von Führungskraft möchte ich in diesem Veränderungsprozess sein?“ verschoben.
Auch das Thema Nachhaltigkeit hat meinen Blickwinkel verändert. Zu Beginn war es kein zentraler Bestandteil meiner Pläne. Inzwischen ist es für mich jedoch immer wichtiger geworden – nicht als eigenständiges Thema, sondern als etwas, das eng mit digitaler Transformation und Innovation verbunden ist. Entrepreneurship war eine weitere echte Überraschung. Ich bin nicht mit dem Gedanken in den MBA gestartet, eine eigene Geschäftsidee zu entwickeln. Doch während unserer Studienreise nach Tallinn entstand ein Konzept, das ich seitdem weiterverfolge. Diese Erfahrung hat eine berufliche Perspektive eröffnet, die ich zuvor nicht ernsthaft in Betracht gezogen hatte. Rückblickend hat der MBA meine beruflichen Interessen weit über meinen ursprünglichen Ausgangspunkt hinaus erweitert. Gleichzeitig hat er auch verändert, wie ich mich selbst als Führungskraft verstehe.
Wie hat sich dein Verständnis von „erfolgreicher“ digitaler Transformation während des MBA im Vergleich zu früher verändert?
Vor dem MBA habe ich erfolgreiche digitale Transformation vor allem mit Technologie, Daten und Effizienz verbunden. Während des Programms hat sich diese Sichtweise deutlich erweitert. Besonders unsere Studienreisen nach Tallinn und Berlin haben dazu beigetragen. In Tallinn haben wir ein Land kennengelernt, das sowohl eine digitale Gesellschaft als auch ein starkes Startup-Ökosystem aufgebaut hat – vom e-Estonia Briefing Centre und X-Road, der sicheren Datenaustauschplattform zur Vernetzung öffentlicher und privater Datenbanken, bis hin zu einem Ökosystem, aus dem Unternehmen wie Skype, Bolt und Wise hervorgegangen sind.
Was mich besonders beeindruckt hat: Die Geschichte Estlands handelt nicht nur von Technologie. Es geht ebenso um Vertrauen, Resilienz, Transparenz und den Mut, Dinge auszuprobieren, auch wenn es dafür noch keinen vorgezeichneten Weg gibt. Während unserer abschließenden Startup-Session brachte es ein Sprecher auf den Punkt: „Wir Esten werden von Unzufriedenheit angetrieben.“ Innovation beginnt aus dieser Perspektive mit der Unzufriedenheit darüber, Ineffizienz, Komplexität oder ein „Das haben wir schon immer so gemacht“ einfach hinzunehmen.
Berlin hat diese Erkenntnis aus einer anderen Perspektive bestätigt. Bei den Startups, Unternehmen und politischen Akteuren, die wir dort getroffen haben, zeigte sich immer wieder: Die Anpassung an neue Entwicklungen scheitert selten an der Technologie. Häufiger sind mentale, kulturelle und strukturelle Barrieren die Ursache – die Angst vor dem Unbekannten oder die Tendenz, Aktivität höher zu bewerten als tatsächliche Wirkung. Diese Erfahrungen haben meine Definition erfolgreicher digitaler Transformation grundlegend verändert. Technologie ist ein wichtiger Enabler, aber allein reicht sie nicht aus. Ebenso entscheidend ist, ob ein Unternehmen die richtigen Rahmenbedingungen schafft: Vertrauen, die Bereitschaft, bestehende Arbeitsweisen zu hinterfragen, und den Freiraum, neue Dinge auszuprobieren.
Du hast erzählt, dass Nachhaltigkeit für dich zunehmend an Bedeutung gewinnt. Wie hat der MBA deine Sicht auf den Zusammenhang zwischen digitaler Transformation, Innovation und Nachhaltigkeit geprägt?
Der MBA hat meine Sicht auf das Zusammenspiel von digitaler Transformation, Innovation und Nachhaltigkeit verändert. Heute betrachte ich diese Themen als miteinander verbunden und nicht mehr als voneinander getrennte Bereiche der Unternehmensführung. Digitale Transformation stellt die Werkzeuge und Daten bereit, um Probleme aus neuen Perspektiven zu betrachten, Transparenz zu erhöhen und Auswirkungen messbar zu machen. Innovation übersetzt diese Möglichkeiten in neue Lösungen, Prozesse und Geschäftsmodelle.
In Berlin haben wir beispielsweise erfahren, dass einige Branchen – etwa die Zementproduktion – ihre CO₂-Emissionen nicht allein durch den Einsatz erneuerbarer Energien reduzieren können. Ein großer Teil der Emissionen entsteht durch den chemischen Prozess selbst, wodurch Carbon Capture and Storage zu einer Notwendigkeit und nicht nur zu einer Option wird. Für mich war das eine wichtige Erkenntnis: Nachhaltiges Wirtschaften ist nicht immer einfach oder geradlinig. Manchmal müssen wir grundlegend überdenken, wie wir Dinge tun, anstatt lediglich bessere Technologien einzusetzen.
Konzepte, die wir im MBA behandelt haben – etwa die Circular Economy, Doughnut Economics und regenerative Geschäftsmodelle – haben mein Denken noch weiter verändert: weg von der reinen Reduzierung negativer Auswirkungen hin zur Frage, wie wir aktiv positive Veränderungen schaffen können. Ein Besuch bei einem Biotech-Startup in Tallinn, das nachhaltige Alternativen zu Palmöl, Kokosöl und tierischen Fetten entwickelt, hat diese Überlegungen greifbar gemacht. Dort wurde deutlich, wie es aussieht, wenn Nachhaltigkeit nicht als Zusatz verstanden wird, sondern von Anfang an Teil der Kerntechnologie eines Unternehmens ist.
Gerade beim Thema Social Impact hat sich mein Denken besonders stark verändert. Heute interessiert mich viel mehr, wie digitale Transformation und Innovation wirtschaftlichen Mehrwert schaffen und gleichzeitig zur Lösung ökologischer und gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen können – anstatt Nachhaltigkeit als separate Überlegung zu behandeln.
Du hast kürzlich noch einmal deine ursprüngliche MBA-Bewerbung und deine Stipendien-Essays gelesen. Was ist dir beim Vergleich deiner damaligen Motivation mit deiner heutigen Situation besonders aufgefallen?
Jetzt, etwa zur Hälfte des MBA, hat mich überrascht, wie vieles aus meiner Bewerbung und meinen Stipendien-Essays auch heute noch relevant für mich ist, wenn auch oft auf eine Weise, die ich damals nicht vorhergesehen hatte. Als ich mich beworben habe, lag mein Fokus darauf, den nächsten beruflichen Schritt zu gehen. Digital Transformation und Data Science sah ich als zentrale Richtung für meine weitere Karriere. Gleichzeitig habe ich in meinen Texten viel über Inklusion, die Stärkung von Frauen und die Frage geschrieben, wie Technologie neue Chancen schaffen und einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten kann.
Die größte Veränderung ist meine Offenheit. Der MBA hat mein Interesse an Themen geweckt, die ich zuvor nicht in Betracht gezogen hatte. Gleichzeitig hat er mich ermutigt, unterschiedliche berufliche Wege stärker in Erwägung zu ziehen. Statt auf ein bestimmtes Ziel hinzuarbeiten, interessiert mich heute mehr die Frage, wo meine Erfahrungen, meine Interessen und mein Wunsch, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, zusammenkommen.
Wenn du nach vorne blickst: Wohin führt dich der MBA? Welche Herausforderungen oder Chancen möchtest du heute besonders gerne erkunden?
Ich interessiere mich besonders für Möglichkeiten an der Schnittstelle von digitaler Transformation, Nachhaltigkeit und Social Impact. Mich beschäftigt die Frage, wie Wirtschaft, Technologie und Innovation dazu beitragen können, ökologische und gesellschaftliche Herausforderungen zu adressieren und gleichzeitig wirtschaftlichen Mehrwert zu schaffen. Ich setze mich bereits konkret damit auseinander. Für das kommende Semester habe ich Biodiversity Business und ESG Reporting als Wahlfächer gewählt, um mein Verständnis von Nachhaltigkeit sowohl aus strategischer als auch aus praktischer Perspektive zu vertiefen.
Der MBA hat außerdem mein Interesse an Entrepreneurship geweckt. Ich bin nicht mit dem Gedanken gestartet, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Doch während unserer Reise nach Tallinn entstand eine Idee, die ich nun weiterverfolge. In der letzten Phase meines MBA möchte ich diese Interessen weiter vertiefen und mit den Erfahrungen verbinden, die ich aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen mitbringe. Ich bin offen dafür, wohin diese Kombination mich führt. Gleichzeitig habe ich heute ein deutlich klareres Bild davon, mit welchen Herausforderungen ich mich beschäftigen und welchen Beitrag ich leisten möchte.