Thought Leadership und der Mehrwert des Pharma MBA

Nach dem Abschluss des Pharma MBA an der Goethe Business School blickt Anaël Labigne, Stipendiat des Thought Leader Scholarship, auf zwei Jahre voller neuer Erkenntnisse, Austausch und persönlicher Weiterentwicklung zurück. Er berichtet, wie das Programm seinen Blick auf die Pharmaindustrie erweitert hat, wie er sich in seiner Masterarbeit mit dem strategischen Wert von Public & Government Affairs auseinandergesetzt hat und warum Thought Leadership für ihn vor allem bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und andere in der Branche zu unterstützen.

Ich habe 2024 den Pharma MBA an der Goethe Business School begonnen. Seit ich das Programm vor einigen Monaten abgeschlossen habe, bietet sich mir die Gelegenheit, auf diese Zeit zurückzublicken. Beworben hatte ich mich, weil ich unsere Branche einmal über den eigenen Schreibtischrand hinaus betrachten wollte, gemeinsam mit Menschen, die täglich in ihr arbeiten. In diesem Zusammenhang bewarb ich mich auch für das Thought Leader Scholarship. Denn ich bin überzeugt, dass unserer Branche frische Impulse guttun würden, nicht zuletzt bei der Modernisierung unserer Gesundheitssysteme, zu denen die Pharmaindustrie einen wesentlichen Beitrag leistet. Die Goethe Business School hat mir das Stipendium gewährt. Heute möchte ich mich dafür bedanken und etwas zurückgeben, indem ich andere aus der Branche unterstütze. Wenn dich meine Perspektive interessiert, lade ich dich herzlich ein, weiterzulesen.

Niemand musste dort sein

Beginnen möchte ich mit dem Foto am Anfang dieses Artikels. Es wurde an einem verregneten Samstagmorgen in Frankfurt aufgenommen. Und niemand, der darauf zu sehen ist, hätte an diesem Tag dort sein müssen. Am Montag wartete auf jeden von uns wieder der Arbeitsalltag. Viele in unserer Arbeitsgruppe hatten außerdem eine Familie mit überwiegend kleinen Kindern zu Hause. Einige Kinder waren sogar noch so jung, dass sie uns begleiteten und draußen vor dem Hörsaal versorgt wurden. So sah unser Alltag jedes zweite Wochenende aus.

Inzwischen scheint wieder die Sonne, und mein Pharma MBA liegt seit einigen Monaten hinter mir. Wenn ich heute zurückblicke, ist es jedoch weniger der Abschluss, der mir in Erinnerung geblieben ist, als vielmehr die zwei Jahre, die wir gemeinsam darauf hingearbeitet haben. Nicht das Zertifikat steht für mich im Vordergrund, sondern die Freitagnachmittage und -abende sowie die Samstage, an denen wir gemeinsam saßen und uns mit Kapitalwertmodellen und Fallstudien aus der Pharmaindustrie beschäftigten. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, sind die Diskussionen, die Gruppenarbeiten und die Tatsache, dass wir zwei Jahre lang immer wieder zusammenkamen, obwohl niemand von uns dazu verpflichtet war.

Die Menschen im Raum waren Teil des Curriculums

Ich habe mich nicht für den Pharma MBA eingeschrieben, um einen weiteren akademischen Abschluss zu erwerben. Ich hatte bereits promoviert und war damit nicht allein: Viele in unserem Jahrgang hatten einen naturwissenschaftlichen Hintergrund. Was mich an diesen Wochenenden besonders beeindruckte, war die Vielfalt der Menschen, die hier zusammenkamen. Unser Jahrgang war international geprägt. Die meisten von uns reisten aus verschiedenen Teilen Deutschlands und Europas an. Wir alle arbeiteten in der Pharmaindustrie, aber in unterschiedlichen Funktionen. Fast alle waren bereits in leitenden Positionen tätig oder auf dem Weg dorthin.

Genau das hatte ich mir erhofft: gemeinsam mit Menschen aus anderen internationalen Unternehmen, Märkten und Bereichen der pharmazeutischen Wertschöpfungskette über unsere Branche nachzudenken, mit Menschen, die sich tagtäglich mit ihren Herausforderungen auseinandersetzen. Auch das Programm ist auf diesen Austausch ausgelegt: Es lässt sich berufsbegleitend absolvieren, mit Präsenzveranstaltungen am Freitagnachmittag und Samstag auf dem Campus. Fallstudien und Gruppenarbeiten gehören ebenso dazu wie die Herausforderung, unter der Woche dem regulären Berufsalltag nachzugehen.

Inhaltlich verbindet der Pharma MBA allgemeine betriebswirtschaftliche Themen – von Strategie und Finanzen bis hin zu Leadership – mit den verschiedenen Stationen der pharmazeutischen Wertschöpfungskette. Dazu zählen Forschung und Entwicklung, Regulatory Affairs, Marketing, Medical Affairs und Vertrieb ebenso wie Gesundheitspolitik und Market Access. Von meiner Lerngruppe und meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen habe ich mindestens ebenso viel gelernt wie von den Dozierenden. Jede Fallstudie wurde aus unterschiedlichen funktionalen und geografischen Perspektiven diskutiert, von Menschen, die sich in ihrem Berufsalltag genau mit diesen Fragestellungen beschäftigen.

Das Leben bietet mehr Spielraum, als wir denken

Eine weitere Erkenntnis aus den vergangenen zwei Jahren: Unser Leben lässt oft mehr zu, als wir glauben. Beruf, Familie und kontinuierliche Weiterbildung müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Allerdings braucht es dafür eine gute Organisation. Mein größter Dank gilt meiner Frau. Während meiner zwei Jahre im berufsbegleitenden MBA-Programm war sie im Rahmen einer Abordnung als Richterin an einem Bundesgericht in Karlsruhe tätig. Wir haben drei Kinder. Ich arbeitete unter der Woche Vollzeit in einer anspruchsvollen Position und war zwei Jahre lang jedes zweite Wochenende für das Studium unterwegs. Gemeinsam haben wir all das bewältigt. Tatsächlich hat meine Frau allerdings viel zu oft den größten Teil davon gestemmt – und das ist mir sehr bewusst! Mein Rat lautet deshalb: Besprecht vorab ausführlich, wie ihr das MBA-Studium mit euren anderen Verpflichtungen vereinbaren möchtet. Und wenn sich eine Gelegenheit bietet und ihr die nötige Unterstützung habt, dann legt einfach los.

Worum es in meiner Masterarbeit ging

Zum Schluss möchte ich noch auf die Masterarbeit eingehen. Sie bietet eine besondere Gelegenheit: Jahre oder sogar ein Jahrzehnt nach dem ersten Studium noch einmal intensiv über ein Thema nachzudenken, das einem wirklich am Herzen liegt – und es mit der wissenschaftlichen Sorgfalt einer fundierten Forschungsarbeit zu untersuchen. Aus meinem Jahrgang kenne ich beispielsweise Ingenieure, die sich damit beschäftigt haben, wie psychologische Sicherheit die Teamleistung beeinflusst, sowie Mitarbeitende aus dem Bereich Medical Affairs, die das Einsparpotenzial neuer KI-gestützter Prozesse empirisch untersucht haben. Für mich wurde aus einer Frage aus meinem beruflichen Alltag eine wissenschaftliche Forschungsfrage: Welchen Wert haben Public & Government Affairs für Pharmaunternehmen, und wie lässt sich dieser Bereich als strategische Fähigkeit im Unternehmen verankern und steuern?

Meine Masterarbeit mit dem Titel *„Value of Public & Government Affairs for Pharmaceutical Companies“* baut auf dem Konzept der integrierten Markt- und Nichtmarktstrategie des Stanford-Ökonomen David P. Baron auf und folgt einem Mixed-Methods-Ansatz, der quantitative und qualitative Forschungsmethoden kombiniert. Für den quantitativen Teil habe ich Daten aus dem EU-Transparenzregister über einen Zeitraum von zehn Jahren, von 2016 bis 2025, ausgewertet. Ziel war es, nachzuvollziehen, wie sich die Aktivitäten der Pharmaindustrie im europäischen Gesetzgebungsprozess im Laufe der Zeit entwickelt haben. Der qualitative Teil umfasst eine Fallstudie zur Kommunalabwasserrichtlinie (Urban Waste Water Treatment Directive). Sie zeigt, wie sich ein Thema außerhalb des unmittelbaren Marktgeschehens über viele Jahre hinweg entwickeln kann, bevor daraus für die Branche ein Kostenrisiko in Milliardenhöhe entsteht.

Zusammengenommen beleuchten die Ergebnisse die Funktion von Public & Government Affairs aus zwei Perspektiven: nach außen, wo der Austausch mit gesellschaftlichen und politischen Akteuren stattfindet, und nach innen, wo externe Entwicklungen in Informationen übersetzt werden, mit denen das Unternehmen konkret arbeiten kann. Dabei geht es beispielsweise um potenzielle Kostenrisiken, die gesellschaftliche und regulatorische Legitimation der Geschäftstätigkeit (*License to Operate*) und die Erschließung von Umsatzpotenzialen. Der eigentliche Mehrwert entsteht dadurch, dass beide Perspektiven miteinander verbunden werden. Entscheidend ist, diese strategische Fähigkeit gezielt aufzubauen, einzusetzen und messbar zu machen – von der frühzeitigen Erkennung relevanter Entwicklungen über die Gestaltung des richtigen Organisations- und Betriebsmodells bis hin zur Definition geeigneter Kennzahlen (KPIs).

Der Stanford-Ökonom David P. Baron brachte den Grundgedanken bereits vor drei Jahrzehnten in einem Satz auf den Punkt, den ich auf die erste Seite meiner Masterarbeit gesetzt habe: „Da die Verantwortung für die Performance im Nichtmarktumfeld bei den Führungskräften liegt und nicht allein bei den Spezialisten für Corporate Affairs, Recht und Government Relations, tragen Führungskräfte auch die Verantwortung für die Integration von Markt- und Nichtmarktstrategien sowie für die zugrunde liegenden Analysen.“

Wenn ihr euch ebenfalls mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigt, freue ich mich auf den Austausch mit euch.

Thought Leadership bedeutet, Verantwortung zu übernehmen

Damit komme ich noch einmal auf das Stipendium zurück. Ein Stipendium dieser Art zu erhalten, ist ein wichtiger Schritt. Thought Leadership ist für mich jedoch weniger ein Titel als vielmehr eine Verantwortung – gegenüber der Branche, in der wir tätig sind, und den Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten.

Künftig werde ich die Goethe Business School bei der Beratung und Auswahl der nächsten Stipendiatinnen und Stipendiaten des Thought Leader Scholarship unterstützen. Außerdem stehe ich gerne für Gespräche mit allen zur Verfügung, die überlegen, sich für das Programm zu bewerben, und eine offene und ehrliche Einschätzung dazu suchen, was sie erwartet und was von ihnen gefordert wird. Meldet euch einfach bei mir. Ich bin nicht immer leicht zu erreichen, aber wir finden einen Weg. Und ich freue mich immer über den Austausch mit klugen Köpfen aus unserer Branche.