Jenseits des Spiels: Warum Sportrecht alle betrifft

Spielertransfers, internationale Regelungen, rechtliche Risiken und strategische Entscheidungen: Das Sportrecht prägt weit mehr, als den meisten Menschen bewusst ist. In diesem Interview blickt Dr. Hermann Schlindwein, renommierter Sportrechtsanwalt, auf jahrzehntelange Erfahrung an der Schnittstelle von Sport, Recht und Wirtschaft zurück und erklärt, warum das Verständnis der rechtlichen Rahmenbedingungen für alle, die in der Sportbranche tätig sind, unerlässlich ist – nicht nur für Juristen.

A man in a dark blue suit is standing at an office window.

Was hat Ihr Interesse am Sportrecht geweckt und wie verlief Ihr Weg in dieses Berufsfeld?

Ich bin zu einer Zeit mit dem Sportrecht in Berührung gekommen, als der Sport noch glaubte, ohne Recht auskommen zu können und große Defizite in diesem Bereich hatte. Damals hat man noch TV-Rechte verkauft, obwohl es keine TV-Rechte gibt. Das eröffnete einen großen und spannenden Spielraum, um viele Rechtskonzepte des Sports neu zu definieren, was juristisch sehr spannend war.

Sie arbeiten seit Jahrzehnten an der Schnittstelle von Sport, Recht und Wirtschaft. Was fasziniert Sie bis heute an dieser Branche?

Die Sportlandschaft entwickelt sich jeden Tag weiter. Es gibt kaum eine Konstellation ohne internationalen Bezug. Die rechtlichen Antworten müssen zu den Besonderheiten des Sports passen. Es sind immer maßgeschneiderte Lösungen gefragt. Die Arbeit in diesem Bereich ist daher jeden Tag spannend und befriedigend, da sich über die Rechtsberatung sehr stark der wirtschaftliche Erfolg von sportlichen Aktivitäten beeinflussen lässt.

Wenn Fans einen Spielertransfer verfolgen, denken sie meist an Ablösesummen und Schlagzeilen. Was passiert hinter den Kulissen, das die meisten nie zu sehen bekommen?

Was die Fans nicht sehen, ist die Tatsache, dass der Fußballspieler das schwächste Glied in der Kette ist. Er riskiert seine Gesundheit und darf sich keinen falschen Karriereschritt leisten. Ich habe Karrieren zu Ende gehen sehen, weil der Spieler den falschen Club gewählt hat und dort nur auf der Bank saß. Sein wirtschaftliches Risiko ist enorm hoch, da er in der Spanne seiner aktiven Tätigkeit sein Lebenseinkommen verdienen muss. Oft sieht man nur die Spitze der Pyramide, die sich nach unten jedoch enorm verlängert und verbreitert. Das alles gilt es für ihn bei einem Transfer zu bedenken. Der Club weiß umgekehrt, dass er einen Mitarbeiter einstellt, von dem er Höchstleistungen erwartet. Auch er muss sorgfältig abwägen und planen.

Sie waren an mehr als 180 Spielertransfers beteiligt. Wie haben sich Transferverhandlungen und die rechtlichen Rahmenbedingungen im Fußball im Laufe der Jahre verändert?

Mittlerweile erfolgt kein Transfer ab einer bestimmten Größenordnung ohne rechtliche Beratung. Vor allem ein Wechsel über die Grenze ist komplex. Der Spieler muss sich auf das Arbeitsrecht beim neuen Club einstellen, Steuerfragen beim Wegzug beachten, das Verbandsrecht einhalten und vieles mehr.

Warum ist es wichtig, dass angehende Führungskräfte im Sport die rechtlichen Rahmenbedingungen verstehen – auch wenn sie keine Juristen werden möchten?

Jeder im Sport Tätige muss wissen, dass es keinen Lebensbereich gibt, der so verrechtlicht ist wie der Sport. Wo sonst kann, wie im sportlichen Wettkampf, eine berufliche Tätigkeit nicht ohne Richter ausgeübt werden. Man denke nur an den SchiedsRICHTER auf dem Fußballplatz, der mit seiner Pfeife Urteile fällt.

Im Sports Management MBA vermitteln Sie Ihr Wissen an zukünftige Sportmanagerinnen und Sportmanager. Welche Kompetenzen sind heute besonders wichtig, um sich an der Schnittstelle von Sport, Recht und Wirtschaft erfolgreich zu bewegen?

Erfolgreich kann nur sein, wer eine gewisse Vorstellung davon hat, in welchem Rechtsrahmen er sich bei seiner Arbeit bewegt. Der erfolgreiche Manager muss wissen, wo seine rechtlichen Chancen und Risiken liegen, also vor allem ein Risikobewusstsein haben und wissen, wann es angezeigt ist, externe Hilfe einzuholen. 

Was möchten Sie den Teilnehmenden Ihres Kurses Sports Law and Legal Frameworks vor allem mit auf den Weg geben?

In erster Linie gilt es, Berührungsängste abzubauen und zu vermitteln, dass auch Sportrecht keine Wissenschaft ist, die man nicht verstehen könnte. Ich möchte eine Begeisterung für das Sportrecht im Sports-Management-MBA entfachen. Dies gelingt auch, da man sehr schnell erkennen wird, wie hilfreich die sportrechtlichen Kenntnisse bei der künftigen Tätigkeit sein werden. 

Welchem Irrglauben begegnen Sie bei jungen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern im Bereich Sportrecht besonders häufig?

Der Glaube, man könne das Sportrecht komplett ausblenden und den Juristen überlassen, weil man doch sowieso alles Rechtliche nicht versteht. Es ist offensichtlich, dass für denjenigen, der so denkt, die nächste Rechtsfalle nicht weit ist und besonders tief sein wird.