Wirkung von kooperierenden Plattformökosystemen in der Außenwirtschaft

This article, co-authored by GBS Alumnus Franklin Petato, originally appeared in a shorter version in ExportManager (March 2021 Ausgabe 2; Seite 15-16) exportmanager-online.de.

Seit jeher müssen Akteure aus den verschiedensten Wirtschaftszweigen im grenzüberschreitenden Handel zusammenarbeiten. Zu einer erfolgreichen Lieferung von beispielsweise Textilien aus den Lagerräumen in Bangladesch in die Geschäfte der Frankfurter Innenstadt tragen neben Lieferanten und den Endabnehmern auch Banken, Logistikunternehmen, Reedereien und Zollämter mit ihrer jeweiligen Expertise bei. Ein solches wirtschaftliches Ökosystem bringt oft hoch komplexe und langwierige Prozesse mit sich, da jede involvierte Partei die Transaktionsdaten unterschiedlich und gemäß der Regel ihres jeweiligen Wirtschaftszweiges verarbeitet. Für eine reibungslose Zusammenarbeit ist dies nicht zielführend. Daher ist die Entwicklung von innovativen Lösungen erforderlich. Die Digitalisierung von wirtschaftlichen Ökosystemen bietet sich an, um die Abwicklung des Außenhandels übersichtlicher und einfacher zu gestalten.

 

Die Erfolgsgeschichte digitaler Plattformen

Digitale Plattformen sind bekanntermaßen Treiber von Effizienz, Zusammenarbeit und Vernetzung von Transaktionen aller Arten. Aktuell hängt die Skalierbarkeit eines Geschäftsmodells stark von der Fähigkeit ab, Teil eines digitalen Plattformökosystems zu sein oder selbst eines zu erstellen. Dies hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt. Innerhalb der letzten Jahrzehnte konnten Gründungsunternehmen von digitalen Plattformen ihre Marktkapitalisierung mindestens verzehnfachen. Prominente Beispiele in diesem Zusammenhang sind die sogenannten GAFAM (Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft)[1].

 

 

 

Über diese Plattformen werden minütlich mehrere hundert Transaktionen abgewickelt und Millionen von Daten ausgetauscht bzw. gesammelt. Warum die Entscheidung für die Nutzung der ein oder anderen Plattform getroffen wird, hängt stark vom Leistungsversprechen sowie der Leistungsfähigkeit des jeweiligen Anbieters ab, unabhängig von der eigenen Rolle in der

Wertschöpfungskette. Eine Gemeinsamkeit haben die Plattformen anzubieten: automatisierte Prozesse, Möglichkeiten zur Vernetzung, eine sichere Umgebung sowie die Nachverfolgbarkeit der Transaktionsschritte.

 

Was macht eine erfolgreiche digitale Plattform aus?

Über digitale Plattformen rücken nicht nur Käufer und Verkäufer näher zusammen, sondern auch andere involvierte Parteien der Lieferkette wie Zahlungs-/Finanzdienstleister. Was macht eine erfolgreiche digitale Plattform überhaupt aus? Für diese Fragestellung schlägt die Boston Consulting Group folgende Punkte als Lösungsansatz vor [2]:

  1. Eine starke digitale Strategie
  2. Ein starker Benutzerstamm
  3. Partner aus diversen Wirtschaftszweigen
  4. Eine globale Präsenz
  5. Eine robuste Fähigkeit zur Zusammenarbeit

Zu den oben genannten Punkten könnte man folgende hinzufügen:

  1. Eine ausgeprägte Fähigkeit, hohe Mengen an Daten zu generieren und in Wert zu setzen
  2. Eine effiziente Nutzung der neuesten und effizientesten Technologien
  3. Interoperabilität der Plattformen
  4. Vertraulichkeit und Integrität der verarbeiteten Daten

Geschäftsmodelle, die also den Anspruch auf langfristige Wettbewerbsfähigkeit haben, müssten in der Ära der Digitalisierung erfahrungsgemäß mindestens fünf der oben genannten Lösungsansätze umsetzen.

 

Digitalisierung im Bankensektor

Im Bankensektor findet berechtigterweise schon seit langem ein Umdenken statt. Mittlerweile bieten alle Banken mindestens einen digitalen Dienst an. Beim Angebot mehrerer digitaler Dienste werden Plattformen genutzt, um diese Dienste zusammenzuführen und somit die Kundenerfahrung so angenehm wie möglich zu gestalten. Im Online-Banking für den Retail-Sektor zum Beispiel kann der Kunde mittlerweile mittels einer einzigen Plattform auf mehrere Konten bei verschiedenen Banken zugreifen. Im Hinblick auf Finanzierungsangebote werden Kreditplattformen entwickelt und auch in der Abwicklung des Zahlungsverkehrs gibt es Fortschritte, insbesondere in Bezug auf den Datenaustausch für eingehende und ausgehende Zahlungen.

In Trade Finance erkannten die sogenannten „Major Players“ der Industrie das disruptive Potenzial digitaler Angebote und bildeten Konsortien, um sich der Entwicklung von gemeinsamen Lösungen zu widmen. Leider konnte sich bislang keine Lösung am Markt etablieren, denn größtenteils handelt es sich um Insellösungen, die primär von Banken entwickelt werden. Andere wichtige Akteure der Wertschöpfungskette, wie beispielsweise die Logistiker und/oder Spediteure, werden nur nachrangig bei der Entwicklung der Lösung berücksichtigt.

Im Rahmen der Abwicklung von Akkreditiven beispielsweise treten Banken kaum mit dem Mitarbeiter der Logistikabteilung eines Unternehmens in Kontakt, umgekehrt hat der Logistiker des Unternehmens von der Verfrachtung bis zur Zustellung von Waren nur wenige bis keine Berührungspunkte mit der Bank. Die Ansprechpartner des Logistikers im täglichen Geschäft sind Reedereien, Speditionen, Zollbehörden und weitere.  Die Fragen des Zahlungsverkehrs, also der Begleichung der Rechnung, überlässt er der Finanzabteilung seines Unternehmens. In dem beauftragten Transportunternehmen gibt es im besten Fall einen Prozess, der bereits digitalisiert wurde. Dies würde die bestmögliche Bearbeitung des Auftrags von der Angebotserstellung über die Vertragserstellung bis zur vollständigen Erbringung der Dienstleistung und Bezahlung gewährleisten.

Alle Fäden werden unternehmensintern zwar zusammengeführt, aber jeder einzelne Schritt hat seine eigene Verbindung in die Außenwelt. Dies bedarf dann der Spezialisierung und geht oftmals mit Unterschieden in den Formaten zwischen den einzelnen Prozessschritten einher. Immer wieder müssen dafür die gleichen Daten in verschiedenen Formaten aufbereitet und mit verschiedenen Techniken bzw. über unterschiedliche Kanäle den involvierten Parteien zur Verfügung gestellt werden (siehe nachstehende Abbildung).

 

 

 

Abbildung 1: Komplexe Prozesse und redundanter Datenaustausch

 

Viele Unternehmen werden sich die Frage stellen, warum es nicht mehr integrierte Plattformen gibt, in denen verschiedene Dienstleistungen zu einem Auftrag gebündelt abgewickelt werden können. Insbesondere in der Abwicklung des Außenwirtschaftsverkehrs wird immer wieder geklagt, dass der Prozess zur Abwicklung eines Exportauftrags durch seine verschiedenen Beteiligten sehr umfangreich und komplex sei. Vor einigen Jahren gab es die Idee der Blockchain zur Lösung des Problems. Doch inzwischen ist auch hier Ernüchterung gekommen: Die Strukturen sind zu komplex und divers, um die verschiedenen Beteiligten auf ein Format zu heben.

Die Idee bleibt dabei von hoher Strahlkraft, doch ist eine kurz- oder mittelfristige Realisierung für die breite Anwendung in diesem Feld sehr unwahrscheinlich. Gleichwohl gibt es vielerlei andere Potenziale, die entwickelt werden können, insbesondere um die sogenannte Kundenerfahrung oder „Customer Experience“ bzw. „Customer Journey“ zu verbessern.

 

Digitale Lösungen in der Außenhandelsfinanzierung

Entlang der Wertschöpfungskette der Handelsfinanzierung stoßen Akteure sowie Banken auf viele „Pain Points“, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:

  • Schwierige Verfolgbarkeit der zugrundeliegenden Waren
  • Komplexe Compliance-Verfahren
  • Kostenineffizienz
  • Verzögerungen
  • Betrugsgefahr

Gemäß einer Studie der Boston Consulting Group aus dem Jahr 2018 hätten innovative Technologien das Potenzial, Pain Points im Handel auf drei Arten aufzuheben:

  • Durch die Vereinfachung von papierbasierten Handelsprozessen
  • Durch die Umstellung der Handelsabwicklung auf eine vollständig digitale Abwicklung und
  • Dezentralisierung des Datenaustauschs.

In dieser Konstellation bedeutet das auch die Verbesserung der Erfahrung eines Unternehmens bei der Abwicklung eines Exportauftrags durch eine integrierte Plattformlösung, die kollaborativ ist und damit ein Ökosystem aufbaut.

Laut einer aktuellen Studie von McKinsey geben sieben von zehn Konsumenten an, Plattformen zu nutzen, die ihnen mehr als nur eine Dienstleistung anbieten. Das ist historisch gesehen keine neue Erkenntnis, denn früher war das große Warenkaufhaus auch ein Magnet.

Im Beispiel des exportorientierten Unternehmens wäre die Verbesserung der Kundenerfahrung möglich, indem entlang der Abwicklungsstrecke des Auftrags die jeweils erforderlichen Daten digital von einem externen Prozesspartner zum nächsten übertragen werden können.

So könnte die Anwaltskanzlei die wesentlichen zu verhandelnden Vertragsdaten einsehen, die dann nach Vertragsschluss auch den deutschen Zollbehörden selektiv zur Verfügung stünden, um die entsprechenden Ausfuhrgenehmigungen erteilen zu können. Gleiches könnte für die Spedition und Reederei angewandt werden, oder für die Reederei und die Bank zwecks finanzwirtschaftlicher Abwicklung des Exportauftrags. Insbesondere wenn die Reederei über das Verladedokument im Rahmen eines Exportakkreditivs in die finanzwirtschaftliche Abwicklung eingebunden ist, ergeben sich eine Reihe von gemeinsamen Daten, die bereits bei der Erstellung des Exportakkreditivs genutzt und dem Besteller zugeleitet werden könnten.

Diesen Ansatz verfolgt derzeit die ODDO BHF Aktiengesellschaft, eine der führenden Außenhandelsbanken in Deutschland, mit der kürzlich erfolgten strategischen Beteiligung an der französischen BuyCo S.A.S, einem sogenannten „ShipTec“, das bereits 2017 eine kollaborative Logistikplattform erfolgreich in den Markt eingeführt hat und über einen renommierten Kundenstamm verfügt.

Hat BuyCo bislang in der ersten Entwicklungsstufe die Zusammenführung der verschiedenen Beteiligten in der Logistik von Containern, wie Speditionen und Reedereien, revolutioniert, so ist in der nun beginnenden Phase die Integration von Finanzdienstleistungen vorgesehen.

Fazit: Im Jahr 2019 belief sich der globale Handelswert der weltweit exportierten Waren auf rund 19 Billionen-Dollar [3] und 90% der gehandelten Güter werden über die Meere transportiert.[4] Diese Werte spiegeln nicht nur die Entwicklungen im internationalen Handel, die Globalisierung, sondern auch den technologischen Fortschritt wider.[5] Die Erschaffung eines digitalen Plattformökosystems, wie das des Unternehmens BuyCo, wird der internationale Handel umfassend verändert.

Zielbild ist, dass Unternehmen mit einem Mausklick sowohl ein Angebot zur Zahlungsabsicherung und Finanzierung eines Exportgeschäfts als auch Informationen über die damit verbundenen logistischen Dienstleistungen erhalten können. Dann werden die Bankmitarbeiter der Zukunft auch die Logistiker kennenlernen und beide haben gute Gründe für gemeinsame Gespräche.

 

References

BCG Global. n.d. Digital Ecosystems. [online] Available at: <https://www.bcg.com/capabilities/digital-technology-data/digital-ecosystems> [Accessed 25 February 2021].

Castonguay, Ph.D., J., n.d. International Shipping: Globalization in Crisis. [ebook] North Salem, NY 10560 - USA: Vision Project Inc. Available at: <https://www.visionproject.org/images/img_magazine/pdfs/international_shipping.pdf> [Accessed 25 February 2021].

Richter, F., 2019. Infographic: A Decade of Growth for GAFAM. [online] Statista Infographics. Available at: <https://www.statista.com/chart/20285/market-capitalization-of-google-apple-facebook-amazon-and-microsoft/> [Accessed 25 February 2021].

Sabanoglu, T., 2021. Worldwide export trade volume 1950-2019 | Statista. [online] Statista. Available at: <https://www.statista.com/statistics/264682/worldwide-export-volume-in-the-trade-since-1950/> [Accessed 25 February 2021].

 


[1] BCG Global. n.d. Digital Ecosystems


[2] Richter, F., 2019. Infographic: A Decade of Growth for GAFAM.


[3] Sabanoglu, T., 2021. Worldwide export trade volume 1950-2019

[4] Castonguay, Ph.D., J., n.d. International Shipping: Globalization in Crisis.

[5] Sabanoglu, T., 2021. Worldwide export trade volume 1950-2019